Vor mir steht die Kiste mit all meinen Postern und Zeitungsartikeln von dir. Ich habe sie beim Aufräumen gefunden und frage mich nun, ob das wohl noch jemand haben will. Ich brauche es nicht mehr. Aber ich habe alles noch mal durchgeschaut. Das ist irgendwie symptomatisch für meine ganze „Beziehung“ zu dir. Als ich meinen Mann kennen lernte und von heute auf morgen mit dir abgeschlossen hatte, habe ich trotzdem alles aufgehoben. Ich habe es nicht fertig gebracht, auch nur ein einziges Stück meiner Sammlung wegzuschmeißen. Und nun, nach über zehn Jahren Verborgensein in Keller und Garage, krame ich alles wieder hervor und beschäftige mich damit - um es los zu werden. Anscheinend muss ich das auch mit all den Erinnerungen in meinem Kopf und in meinem Herzen tun.


Liebe macht blind: Mein Vater baute gerade einen Bogen in den Durchgang zwischen Garderobenecke und Hausflur. Damit das ganze nicht wieder herunter kam, montierte er für die ersten Tage ein halbkreisförmiges Brett als Stütze an. Meine Geschwister kamen noch bequem unten durch, aber meine Eltern und ich, wir mussten schon den Kopf einziehen, um nicht mit der Stirn anzustoßen. Meiner Mutter passierte das öfter mal, und weil ich immer darüber lachte, beobachtete sie mich mit Argusaugen. Doch ich dachte immer an das Brett, immer, bis auf diesen einen Tag.
In der Schule bekam ich von meiner Freundin ein wunderhübsches Poster geschenkt, auf dem er ein Grinsen zeigte, das mir recht anzüglich schien, und das mich ganz zappelig machte. In der Physikstunde bei „Rudi“ versuchte ich dauernd, es anzuschauen, aber es war ziemlich eng unter der Bank, so dass ich den Hefter kaum aufklappen konnte, in dem ich es versteckt hielt. Also musste ich mich wohl bis zu Hause gedulden. Doch kaum war ich zur Tür hinein und hatte meine Schuhe ausgezogen, zerrte ich das Poster aus meiner Tasche. Ich hatte nur noch Augen für ihn - und rummste voll gegen das Brett! Zum Glück hat es meine Mutter nicht gesehen.


Wenn ich die ganzen Bilder von dir so anschaue, kann ich - wie bei deinen Songs - kaum noch gute entdecken. Allerdings kann ich mir heute erlauben, Bilder zu kritisieren, weil ich Fotografin bin, bei deiner Musik ist es doch mehr Geschmackssache.
Früher habe ich jedes deiner Bilder heiß begehrt, habe dich darauf bewundert, wie süß du aussahst, habe deine Augen gesehen, deine Lippen, deine Hände. Heute sehe ich die schlechte Lichtführung, unpassende Hintergründe, unvorteilhafte Posen, die Schärfe zu weit vorne oder zu weit hinten, oder gleich gänzlich unscharf. Es bleiben nur wenige Bilder übrig, die mir noch gefallen.
Mein Lieblingsbild habe ich auf einem deiner Konzerte gekauft: Eine Studioaufnahme, von weit oben fotografiert, du stehst und schaust nach rechts oben an der Kamera vorbei. Du trägst einen schwarzen Anzug, darunter ein weißes Hemd, deine Hände formen ein Herz. Von rechts oben beleuchtet eine Lichtquelle nur dein Gesicht. Der Rest verschwindet weitgehend im Schatten. Toll - sehr grafisch aufgebaut, und natürlich schwarz-weiß!
Dagegen ist das, was man momentan im Internet von dir käuflich erwerben kann - Poster oder auch dein aktueller Kalender - fotografisch echt grauenvoll. Das reicht von langweilig bis echt kitschig, und nichts davon scheint mir authentisch zu sein.

Ich würde dich gerne mal anders sehen. Mir schwebt da eine Bildstrecke vor, die dich im Alltag zeigt, die hinter die Fassade blicken lässt, nicht „dress up and pretend“, sondern Dinge wie morgens beim Frühstück, ein Blick hinter der Zeitung hervor, wenn du zur Arbeit gehst und die Tür abschließt, oder beim Joggen, oder... keine Ahnung was du sonst noch so tust, wenn du nicht posierst. Um mir wirkliche Bildszenen auszudenken, müsste ich dich erst kennen.
Dann würde ich das inszenieren, ohne dass es gestellt aussieht. Minimale Lichttechnik, aber mit einem High-End-Aufnahmemedium. Ich würde die Hasselblad hernehmen mit dem 39 Megapixel-Rückteil, lange Optik für selektive Schärfe. Anschließend würde ich es in schwarz-weiß ausarbeiten, mit hohem Kontrast, großformatige Prints. Und ein ganz klassisches Portrait müsste auch dabei sein - ungeschminkt. Ja, das wäre cool, wenn ich sowas mal machen könnte.


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