Es ist kurz vor Weihnachten und ich habe mich gerade wieder neu verliebt in deine Stimme. Ich war neugierig, was du in den letzten Jahren musikalisch getan hast und bin auf dein Weihnachtsalbum gestoßen. Nein, ich habe es nicht gekauft, das meiste hat mir leider wieder nicht gefallen. Nur eins hab ich mir aus dem Internet geladen - „God Rest Ye Merry Gentlemen“, das finde ich wunderbar. Das ist sowieso eins meiner Weihnachts-Lieblingslieder. Deine Version könnte ich jetzt in Endlos-Schleife den ganzen Tag hören.


Es war Heilig Abend 1990. Im Sommer hatte ich ein kleines Bildchen von seiner neuen LP aus der Zeitung ausgeschnitten und neben meinem Wecker hingestellt. Irgendwann zeigte ich es meiner Mutter und wünschte mir „das“ zu Weihnachten.
Als es soweit war, hatte ich es vergessen. Wie jedes Jahr gingen wir vor der Bescherung in die Kirche. Als wir danach wieder nach Hause kamen, war ich die erste im Haus. Völlig ahnungslos öffnete ich die Tür zum Wohnzimmer und bekam den Schreck meines Lebens! Gegenüber stand der Weihnachtsbaum und von unter dem Baum schauten mich seine zärtlichen Augen an. Das war zu viel. Es kam so überraschend und unerwartet, dass ich vor lauter Gefühlen kein Wort mehr hervorbrachte. Als die anderen Familienmitglieder herein kamen, stammelte ich nur, dass ich meinen Fotoapparat holen wollte, und stolperte in mein Zimmer. Ich versuchte, mein Herz zu beruhigen, was mir nicht gelang. Ich jubelte und war so glücklich wie nie zuvor. Als ich wieder hinunter ging, konnte ich die Platte immer noch nicht anrühren. Ich wusste auch nicht, wie ich mich dafür bedanken sollte. Meine Liebe zu ihm konnte ich meiner Familie nicht preisgeben.
Erst als alle anderen Geschenke ausgepackt waren, konnte ich fragen, ob ich die Platte anhören dürfte. Es war das einzige Mal, dass ich sie in Anwesenheit meiner Familie hörte. Danach war ich lieber allein mit seiner wundervollen Stimme.


Ich bin wirklich überrascht von mir selber, dass ich für deinen Gesang noch mal Geld ausgeben würde. Letzte Woche habe ich bei Ebay eine DVD von „Jekyll & Hyde“ ersteigert, und gerade vorhin noch eine alte CD.
Es ist jetzt über 10 Jahre her, dass ich deine Musik zuletzt gehört habe. Aber ich habe die Brücken wohl zu radikal abgebrochen. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich mich jetzt wieder so sehr damit befasse, ich habe das Gefühl, etwas verarbeiten zu müssen. Sechs Jahre tiefste Zuneigung kann man nicht einfach begraben und vergessen.
Heute frage ich mich, wie mich das beeinflusst hat, und was davon noch übrig ist. Ich spüre, dass mich deine Stimme immer noch zutiefst berührt, das kenne ich bei keinem anderen sonst. Aber ist das noch wirkliches Gefallen oder nur sentimentale Erinnerung?
Ich habe beschlossen, die beiden Platten und etliche Kassetten, die ich von dir besitze, durch CDs zu ersetzen. Davon mache ich mir eine iPod-Playlist mit den Stücken, die mir heute noch gefallen. Mal schauen, wie viele das noch sind, ich habe schon so viel vergessen.


Am ersten Feiertag fuhren wir zur Verwandtschaft. Dort bekam mein Bruder ein Geschenk, um das ich ihn beneidete. Es war ein Buch meiner Lieblingsserie - in der ER mitspielte. Ich scherzte, dass das Buch im falschen Geschenk gewesen sei. Aber mein Bruder war zu dieser Zeit auch Fan der Serie und meinte: „Nein, nein, das stimmt schon so.“
Er begann noch am selben Tag zu lesen, und schon gerieten wir aneinander. Ich war im Nachteil, da es sein Geschenk war, und so bekniete ich ihn, dass ich es auch lesen durfte. Wir einigten uns darauf, uns in Abständen von zehn Minuten abzuwechseln. Doch wollte ich auch nur einen Satz zu Ende lesen, riss er mir das Buch aus der Hand. Irgendwann wurde mir das ganze zu dumm, und als ich wieder einmal darauf wartete an die Reihe zu kommen, machte ich ihm den Vorschlag, das Buch vorzulesen. Mein Bruderherz war einverstanden. So hatten wir beide was davon, ohne dauernd unterbrochen zu werden. Wir machten es uns bequem und ich begann noch einmal von vorn.
Seitdem steckten wir jeden Tag zusammen und lasen in unserem neuen Lieblingsbuch. Zu zweit machte es uns viel mehr Spaß, denn wir gaben überall unseren Senf dazu und lachten uns scheckig. So lagen wir von früh bis abends in seinem oder meinem Zimmer - Mom schüttelte nur noch den Kopf. Kaum waren wir durch das Buch durch, fingen wir wieder von vorne an. Fünfmal ging das so. Wir konnten gar nicht mehr aufhören, so viel Spaß hatten wir daran. Scherzhaft nannten wir es schon „Die unendliche Geschichte“.
So verging das Jahr 1990. Für mich war es ein glückliches Jahr gewesen, ein Jahr voller Liebe, das erste Jahr mit ihm. Ich spürte, dass dies stärker war, als alles, was ich vorher empfunden hatte. Und ich spürte zum ersten Mal das, was die Welt „Liebeskummer“ nannte. Er hatte mir gezeigt, was Schmerzen sind. Noch hielt ich sie aus.


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