Ich war ein großer Fan von „Dirty Dancing“, hatte mehrmals den Film gesehen und mir auch das Buch gekauft. In den Hauptfiguren sah ich immer ihn und mich. Ich liebte Tagträume, und diesen ganz besonders. Um ihn nicht zu vergessen, beschloss ich, ihn in Form einer Geschichte aufzuschreiben. Jetzt hatte ich eine neue Leidenschaft entdeckt. Ob im Bett, in der Badewanne oder in der Schule - ich konnte überall von ihm träumen. Und es machte mir immer mehr Spaß, das alles aufzuschreiben. Dabei durchlebte ich alles sehr intensiv in Gedanken. Es war eine Möglichkeit, die Gefühle auszuleben, die ich ihm nicht geben konnte. Und in dem Maß, wie sich meine Liebe entwickelte, entwickelten sich meine Stories. Sie wurden leidenschaftlicher, aber auch verzweifelter, je nachdem, in welcher Stimmung ich gerade war. Manchmal begann ich auch einfach zu schreiben, ohne zu wissen, wie die Handlung am Ende ausgehen wird.


Als ich noch zur Schule ging, habe ich mir immer neue Momente ausgedacht und aufgeschrieben. Ich habe dich überall in meinem Leben gesucht, habe immer neue Worte gesucht für immer die gleiche Sehnsucht. Das war meine Art des Auslebens. Beim Schreiben waren meine Träume so greifbar wie sonst nie, wenn ich die Augen schloss, konnte ich dich spüren, du warst überall um mich herum.
Angefangen habe ich mit 13 Jahren und aufgehört habe ich erst, als ich nach dem Abitur von zu Hause wegging. Ich fing eine Lehre an und dort lernte ich meinen Mann kennen. Dann habe ich dich endlich nicht mehr vermisst...

Je mehr ich jetzt wieder über dich nachdenke, umso größer wird der Wunsch, dich doch noch kennen zu lernen. Ich möchte einfach nur wissen, wie du wirklich bist. Vielleicht kann ich dann endlich abschließen mit meinem alten Leben. Vermutlich habe ich bisher nur alles verdrängt. Als ich meinen Mann kennen lernte, haben sich meine Gefühle plötzlich auf ihn übertragen. Da war auf einmal jemand, der zu meinen Sehnsüchten passte. Er sieht dir gar nicht mal so unähnlich. Dunkle Haare, klare strahlende Augen, und seine Lippen haben eine ähnliche Form wie deine. Außerdem ist er Rettungsschwimmer - das hat mich sehr beeindruckt. Es gab auch noch weitere Parallelen: Er hatte eine Frau, zwei Kinder und ein Haus! Anfangs sah es so aus, als käme ich vom Regen in die Traufe. Doch als er mir klar machte, dass er es ernst mit mir meinte und schon in der Trennung begriffen war, da warst du auf einmal vergessen.

Denkst du eigentlich manchmal darüber nach, dass es Mädchen gibt, die so rettungslos in dich verliebt sind, dass sie nicht mehr wissen, wohin mit sich und ihren Gefühlen? Bestimmt hast du schon Millionen Liebesbriefe und unzählige andere Liebesbeweise bekommen. Gibt es noch andere, die solche Geschichten schreiben wie ich? Mir kam nie der Gedanke, diese Geschichten zu dir zu schicken, sie waren für mich eher Mittel zum Zweck, um meiner Gefühle Herr zu werden. Nur meine beste Freundin hat sie alle gelesen. Würdest du dich dafür interessieren? Würdest du so etwas lesen? Ich glaube, ich würde mich gruseln, wenn ich wüsste, dass ein anderer Mensch solche Fantasien über mich hat. Aber als Person, die in der Öffentlichkeit steht, muss man vermutlich damit leben. Wahrscheinlich machst du dir darüber gar keine Gedanken.
Mir war auch relativ schnell klar, dass deine Person und der Mann, in den ich verliebt war, nicht ein und derselbe waren. Aber das wusste nur mein Verstand. Und der spielte nun wirklich keine große Rolle bei der irrationalen Sehnsucht, die untrennbar mit deinem Namen und deinem Gesicht verbunden war.


Ende des Jahres 1990 begann in unserer Schule der Tanzkurs für meinen Jahrgang. Ich freute mich riesig, endlich dabei zu sein. In diesen Tagen warb eine deutsche Krankenkasse mit Postern von ihm, die sie überall kostenlos verteilte. Ich hatte auch schon ein paar, und ich wusste, dass auch in der Schule welche hingen.
An so einem Tanzstundenabend lief ich mit meiner Freundin durch das leere Schulhaus, um zu sehen, wo wir überall auf diese Poster stoßen würden. Die Idee dazu kam mir, als mich ein paar Tage vorher unsere Klassenlehrerin in der Mathestunde ins Vorbereitungszimmer schickte, um ein paar Magneten zu holen. Ich fand sie gleich, und als ich mich wieder umdrehte, um zu gehen, entdeckte ich mit einem freudigen Schreck das Poster an der halb geschlossenen Tür. Meine Knie wurden weich, und fast hätte ich ihn geküsst, doch dann erinnerte ich mich daran, dass jeden Moment einer kommen könnte.

 

Es ist November, und es stürmt und regnet draussen. Solche Nächte waren mir früher die liebsten, und ich mag sie auch heute noch. Das sind die richtigen Nächte zum träumen und schreiben. Als ich noch zur Schule ging, war das meine Lieblingsbeschäftigung, aber heute habe ich kaum noch Zeit dafür.
Jetzt versuche ich noch mal damit meine Vergangenheit aufzuarbeiten.

Vor einigen Tagen habe ich mir deine Biografie gekauft. Vielleicht beantwortet das Buch mir noch einige meiner Fragen, oder hilft mir zumindest dabei, die Dinge aus der Entfernung etwas klarer zu sehen.
Die Kommentare, die ich vorher dazu gelesen hatte, waren ja nicht sehr aufschlussreich. Die Kritiker fanden dich sehr überheblich und die Fans lassen nichts auf dich kommen. Ich werde mir kein Urteil darüber erlauben, ich bin voreingenommen. Deine Arbeit und dein Beitrag zur Unterhaltung der Menschheit haben sicher ihre Berechtigung, aber ich sehe deine Werke heute eher kritisch.
Nichtsdestotrotz ist da immer noch etwas in mir, was mich dich mit großem Respekt betrachten lässt, immerhin warst du lange Zeit der wahrscheinlich wichtigste Teil meines damaligen Lebens, hast mich begleitet auf dem Weg zum Erwachsensein und mich bestimmt auch vor mancher Dummheit bewahrt, die ich mit einem realen Freund vielleicht hätte anstellen können. Und du hast mir beigebracht, positiv zu denken. Zwar hatte ich viele tiefe Löcher zu überwinden, ich heulte und litt wegen der Unerfüllbarkeit meiner Sehnsucht, aber irgendwann siegte doch immer die Hoffnung.

 

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