An den Herbst `89 kann ich mich kaum noch erinnern. Meine Sympathie für den großen Mann mit den blauen Augen muss immer größer geworden sein. Spätestens im November wusste ich, dass ich mich verliebt hatte. Ich hatte einem Mädchen aus meiner Klasse ein Poster von ihm abgeschwatzt. Es dämmerte schon und nieselte, als ich von ihr nach Hause lief. Schützend hielt ich meine Hand über das zusammengefaltete Bild in meiner Tasche, ich war überglücklich. Und mein Herz schlug sicher nicht nur so schnell, weil ich rannte...
Als ich abends schlafen ging, legte ich das Bild auf das Schränkchen an meinem Bett und schaute ihn lange Zeit einfach nur an. Doch irgendwann drückte ich einen ersten scheuen Kuss auf‘s Papier. Er hatte mich gefangen. Für sehr lange Zeit...

Was hörst du eigentlich privat? Irgendwann hab ich mal gelesen, du findest Bruce Springsteen toll. Und sonst? In welche Richtung tendierst du? Oh, ich würde zu gerne mal in deiner Sammlung stöbern. Vielleicht gibt‘s da doch das eine oder andere, was mir auch gefällt.
Dass ich nicht zur Zielgruppe deiner eigenen Produktionen gehöre, ist mir schon lange klar. Wäre ich nicht verliebt in dich gewesen, hätte ich mir wohl nie auch nur eine Platte oder CD von dir zugelegt. Aber vielleicht kann man ja abseits vom Kommerz ganz gut mit dir Musik hören. Oder ist das auch nur eine Projektion, ein Wunschgedanke, ein Hirngespinst aus meiner Erinnerung, entstanden, um die Leere hinter deinen Postern zu füllen, zusammen mit vielen anderen Vorstellungen über deine Person.

Viele Fragen kommen mir in den Sinn. - Was liest du gerne? - Kannst du kochen? - Welches Auto fährst du? - Wie ist deine politische Einstellung? - Magst du Katzen? - Was tust du wenn du frei hast? - Warst du schon mal in Irland? - Philosophierst du über den Sinn des Lebens? - Hörst du Pink Floyd? - Wie bist du, jenseits der Medien?

__________________________________________

 

Viele Dinge passieren im Leben genau dann, wenn man schon gar nicht mehr damit rechnet. Eines davon ist, in deine Augen zu schauen. Nicht durch die Medien, auf Papier oder im Fernsehen, sondern wirklich und real.
Völlig unerwartet trafen sich unsere Blicke, zwischen vielen anderen Menschen saßt du an einem Flughafen, schautest mich plötzlich an, zufällig, eine Sekunde nur oder den Bruchteil davon, aber für mich stand die Zeit still, das Herz stand still.
Alles andere wurde unscharf, weggezoomt, der Matrix-Effekt. Und in deinen Augen stand die Antwort auf meine nicht ausgesprochene Frage - Ja, ich bin es!
Ich möchte meine Kamera hoch nehmen und ein Foto von dir machen. Alles geschieht wie in Zeitlupe. Ich habe ein langes Tele drauf, es überbrückt die Distanz zwischen uns, offene Blende, damit alles andere unscharf wird. Nur deine Augen, deine schönen klaren Augen sind wichtig. Kurz bevor ich den Auslöser drücke, denke ich noch:
‚Ob du wohl damit einverstanden bist?‘ Doch dann lächelst du in meine Kamera.
Klick.
Ein kurzer Blick auf das Display - ein wunderschönes Bild.
‚Das wandle ich später in schwarz-weiß um.‘
Dann winkst du mich zu dir her.

 

In diesem Moment endet der Traum. Fast immer wenn ich von dir geträumt habe, hört es auf, bevor es richtig anfängt.

Im selben Moment, wo die Sehnsucht ihre Erfüllung findet, stirbt sie.

 

zurück               weiter