Life Is So Cruel                                                                                                                     22.November 1992

Es ist nicht gerade der typische kalifornische „sunny day“. Es ist zwar warm, aber der ganze Himmel ist mit Wolken bedeckt. Ich bin allein.

Weinend sitze ich am Sunset Beach. Plötzlich legt jemand seine Hände auf meine Schultern. Erschrocken springe ich auf und drehe mich herum. Ich muss ein paar mal blinzeln, bevor ich klar sehen kann. Richie, ein guter Freund von mir, steht vor mir. Wieder legt er seine Hände auf meine Schultern und sieht mich an.
„Was ist los?“ fragt er leise und nimmt mich in seine Arme.
„Ich lag am Strand und bin eingeschlafen. Ich hatte einen wunderschönen Traum: Darin traf ich einen Mann, groß, tolle Locken, herrlich blaue Augen. Wir verbrachten die Nacht zusammen, ich lag in seinen Armen, es war wunderschön. Doch plötzlich wachte ich auf. Statt warmer Haut spürte ich nur Sand unter meinen Händen. Er war einfach weg!“
Unter Tränen erzähle ich ihm das alles. Richie lässt mich los und schaut mich an.
„Redest du von...?“
Ich schließe die Augen und nicke. Er hält mich fest, ich lasse meinen Kopf an seine Schulter sinken. Er versucht, mich zu trösten.
„Hey, wir sind in Los Angeles, vielleicht kannst du ihn besuchen.“
Als ich nicht reagiere, nimmt er meine Hand und sagt: „Komm!“
Schweigend machen wir uns auf den Weg zu seinem Auto und fahren ins San Fernando Valley. Es fängt an zu regnen, als wir vor seinem Grundstück ankommen. Mein Herz klopft. Wir steigen aus und Richie klingelt. Einmal. Zweimal. Dreimal. Nichts rührt sich, keiner da.
Es gießt in Strömen, wir sind durchnässt, und niemand sieht meine Tränen. Ich sinke vor dem Tor zusammen und lande auf dem nassen Asphalt. Richie kniet sich vor mich hin und redet auf mich ein.
Plötzlich kommt ein schwarzes Auto und hält nur ein paar Meter entfernt. Er ist es. Richie rennt zu ihm hin und versucht, ihm die Situation zu erklären, dann geht er.

Die Autotür geht auf, er steigt aus, hilft mir hoch. Meine Knie sind so weich, ich kann kaum stehen. Aber ich reiße mich zusammen und renne neben ihm ins Haus.
Im Trockenen angekommen nimmt er mich fest in seine Arme. Sanft streichelt er mir den Rücken, bis ich mich etwas beruhigt habe.
Er geht und kommt nach ein paar Minuten wieder mit einem Handtuch und einem weißen Etwas in der Hand. Es ist sein weißer Pullover, der mit dem überweiten Rollkragen. Während er noch mal in der Küche verschwindet, ziehe ich mich um. Der Pullover ist mir viel zu groß, aber herrlich weich und warm. Ich kuschle mich darin ein und lege mich in einen Sessel.
Er kommt wieder mit zwei dampfenden Tassen. Ich kippe den heißen Tee hinunter und mir wird sofort warm. Inzwischen hat er auch eine Hose für mich gefunden, die weiße „Schlabberhose“ mit den dünnen grauen Streifen. Meine Füße verschwinden gleich mit darin, aber es ist warm und kuschelig!
Während ich sie angezogen hab, hat er ein Feuer im Kamin entzündet. Jetzt sitze ich auf einem weichen Fell davor. Er sitzt hinter mir und rubbelt mein Haar trocken. Ich schließe meine Augen und sitze ganz still. Meine gesamte Energie konzentriert sich auf das Fühlen seiner Hände. Er legt das Handtuch beiseite und massiert langsam meinen Nacken und meine Schultern. Ich presse die Lippen zusammen um nicht aufzustöhnen. Soviel Zärtlichkeit ist fast unerträglich.
Er streicht noch kurz über meine Arme und steht dann plötzlich auf. Ich drehe mich um und sehe ihn in der Küche verschwinden. Als er wieder kommt hat er in der einen Hand eine Flasche Sekt, in der anderen zwei Gläser. Er setzt sich wieder neben mich, öffnet mit einem leisen „Plopp“ die Flasche und füllt die Gläser.
Draussen ist es inzwischen vollständig dunkel, Regen trommelt an die Fenster. Hier drinnen ist es warm, das Kaminfeuer knistert.
„Cheers!“ leise klingen die Gläser, der Sekt prickelt angenehm auf der Zunge. Seine Nähe prickelt auf meiner Haut.

Ich trinke selten Alkohol, und bald schon merke ich, wie sich ein leichtes Schwindelgefühl in mir breit macht. Ich empfinde es jedoch als sehr angenehm. Langsam lehne ich mich zurück, er schließt seine Arme um meinen Körper. Bald liegen wir nebeneinander vor dem Kamin und sein warmer Atem streicht über mein Haar.
Plötzlich spüre ich seine Lippen auf meiner Stirn. Ich hebe den Kopf und schaue direkt in seine blauen Augen. Noch nie in meinem Leben habe ich so wunderschöne Augen gesehen, sie sind so klar und so blau, und sie glitzern im Schein des flackernden Feuers. Zaghaft streichle ich seine Wange, er schließt die Augen, legt seine Stirn an meine und gibt mir so zu verstehen, dass es ihm gefällt.
Ich mache weiter, streichle durch seine Haare, den Nacken entlang und wieder nach vorn. Ich öffne den obersten Knopf seines Hemdes, streichle seinen Hals. Er grinst und schnurrt wie ein Kater, er reibt seine Stirn an meiner, es ist ein wahnsinnig schönes Gefühl.
Doch plötzlich muss ich heftig niesen, ich kann gerade noch so meinen Kopf zur Seite drehen.
Er muss lachen: „Ich glaube, du hast dich erkältet.“ Wieder steht er auf und verschwindet zum dritten Mal in der Küche.
Ich lege mich wieder hin, verschränke die Hände hinterm Kopf und starre an die Decke. ‚Mist,‘ denke ich. ‚Gerade jetzt war es so wunderschön‘.
Diesmal dauert es länger. Den Grund sehe ich, als er wiederkommt: er hält ein Glas heiße Milch in der Hand. Ich lächle ihn glücklich an, er ist so fürsorglich! Er lächelt zurück, setzt sich wieder zu mir und gibt mir das Glas.
„Danke“ sage ich und trinke.
„Tut es gut?“
„Ja, wunderbar.“
Als das Glas leer ist, stellt er es beiseite und nimmt mich sofort wieder in seine Arme. Ich spüre sein Herz klopfen, mir wird heiß.
Noch während wir langsam auf das weiche Fell zurück sinken, berühren sich nur sekundenlang unsere Lippen. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Seine Lippen schmecken wahnsinnig gut. Seine Haut, sein Haar, es duftet ausgerechnet nach Exciting Amber, mein Lieblingsduft. Aber nicht nur der Duft ist exciting, der Mann ist es auch. In diesem Augenblick weiß ich, ich werde von ihm nie genug bekommen können. Ich will mehr, ich brauche unbedingt mehr.
Wir küssen uns noch einmal, genauso sanft, nur länger diesmal. Und wieder lösen wir uns voneinander, doch nur, um uns mit tiefen Blicken zu sagen, dass wir noch mehr wollen. Endlich finden sich unsere Lippen zu einem richtigen Kuss, unendlich lang, zärtlich, und doch so leidenschaftlich. Ich spüre seine Lippen so intensiv, fühle mich eins mit ihm, als würden wir beide durch einen endlosen Raum schweben, der nur aus Wärme und viel, viel Zärtlichkeit besteht.
Ich stehe in Flammen. Jeder Zentimeter Haut, den er berührt hat, scheint zu brennen. Und ich will mehr! Ich knöpfe sein Hemd auf, es fliegt in irgendeine Ecke. Mein Pullover muss auch dran glauben, genau wie unsere Hosen. Ich spüre seine nackte Haut, sie fühlt sich genauso heiß an wie meine, und meine Hände sind empfindsam wie nie. Ich streichle seine Brust, spüre die kleinen weichen Löckchen, streiche mit meinen Lippen darüber, und küsse jeden Zentimeter seiner weichen Haut.
Eine ungeheure Spannung liegt in der Luft - Leidenschaft! Ich halte es kaum noch aus, und ihm scheint es genauso zu gehen. Trotzdem lassen wir uns sehr viel Zeit. Unendlich langsam streicheln wir uns gegenseitig, fallen immer tiefer in Ekstase, bis unsere Lippen in einem langen Kuss miteinander verschmelzen. Unsere Zungen treffen sich, spielen miteinander, wir klammern uns fest aneinander, und endlich werden unsere Körper eins.

Minuten später liege ich erschöpft und entspannt in seinen Armen. Unsere Körper sind überhitzt, und obwohl das Kaminfeuer brennt, erscheint uns die Luft um uns herum kalt. Er angelt nach einer Decke auf der Couch und deckt uns damit zu. Ich kuschle mich noch tiefer in seine Arme, seine Wärme tut so gut. Tief in mir spüre ich seine Nähe, höre seinen Herzschlag.
Fast eine Ewigkeit liegen wir so da, bis ich schließlich leise frage:
„Bist du schon eingeschlafen?“
„Nein, ich bin noch wach“ antwortet er genauso leise.
Seine warme Hand streichelt sanft mein Gesicht. Nur diese kleine vorsichtige Bewegung von ihm und sofort schreit alles in mir nach einer Neuauflage dessen, was wir uns in der letzten Stunde gegeben haben. Auch er scheint danach zu verlangen. Erneut verschmelzen unsere Lippen zu einem wahnsinnig leidenschaftlichen Kuss. Und wieder spüre ich „the heat of ecstasy“.

Doch von weitem dringt plötzlich ein grausamer Piepton an mein Ohr. Ich versuche, ihn zu ignorieren, lasse mich weiter von seinen streichelnden Händen verwöhnen. Aber dieser schreckliche Ton kommt näher, bohrt sich in meinen Kopf, dass es schmerzt.
Jetzt spüre ich auch ihn nicht mehr, wie Luft gleitet er aus meinen Händen. Ich strecke die Arme nach ihm aus, will ihn festhalten, doch auch sein Bild zerfällt in nichts.
Ich schreie seinen Namen, und plötzlich falle ich hart auf den Boden. Schon wieder dieser grausame Ton. ‚Der Wecker‘ schießt es durch mein Bewusstsein. ‚Wo ist der Wecker?‘ Ich taste auf dem Nachtschränkchen, bis ich ihn finde, und nach quälenden Minuten kann ich endlich diesen scheußlichen Ton abstellen.
Ich stehe auf und lasse die Jalousie am Fenster hoch. Draußen ist es noch fast vollständig dunkel, aber ich sehe, dass es regnet. Über die Fensterscheibe rinnen Regentropfen, über mein Gesicht rinnen Tränen. Ich sinke kraftlos zurück auf den Boden.
Von allen Seiten schaut er mich an, leblos, kalt. Ich presse mein Gesicht an sein Bild, jetzt rinnen auch ihm Tränen über die Wange, meine eigenen. Mein Kopf schmerzt. Ich betaste mein Gesicht, es glüht. Auch meine Stirn ist heiß, ich glaube, ich habe Fieber.

Verdammt!

It‘s just another manic Monday...

 

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Ich schrieb diese Geschichte in ein oder zwei Stunden. Ohne nachzudenken. Ich saß in meinem Bett, angelehnt, Kissen im Rücken. Meine Gefühle für dich flossen ohne Umweg über den Kopf direkt aus meinem Herzen durch den Stift aufs Papier.

 

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