Vor zwei Tagen träumte ich von dir. Der Morgen dämmerte schon fast, ich hatte ganz unruhig geschlafen und war kurz vor dem Aufwachen.
Da stand ich vor einer Halle, darin solltest du ein Konzert geben. Vor dem Eingang stand dein Fotograf an einem Stand mit Merchandise-Artikeln. Ich wollte mich unbedingt mit ihm unterhalten, überlegte mir gerade einen passenden Anfang für ein Gespräch, als du völlig unerwartet um die Ecke kamst.
Mein Herz machte einen Salto und ich stürmte zu dir hin, um einen Händedruck von dir zu erhaschen. Dabei dachte ich immer, nach all den Jahren könnte ich dir inzwischen ganz cool gegenüber treten und ein bisschen plaudern. Und jetzt fehlte nicht viel, und ich hätte mich dir um den Hals geworfen wie ein kleines verrücktes Mädchen, von plaudern ganz zu schweigen. Ich brachte kaum ein Wort heraus, und das wenige war noch ziemlich idiotisch.
Dann wachte ich auf. Ich wollte dich noch umarmen, schaffte es aber nicht, noch mal einzuschlafen.

 

Listen for my heart beat in the thunder,
It‘s beating like a drummer out of time,
Drifting like a teardrop in the ocean waves,
Somewhere in a dream, I think I loved you,
Just let me dream my life away.

 

Somewhere in a dream

Es war wieder eine dieser Nächte, in denen sie in seinen Armen lag. Doch diesmal war etwas anders. Sie spürte ihn intensiver als jemals zuvor. Nicht nur körperlich, seine Aura erfüllte ihr gesamtes Bewusstsein. Das Erwachen war nicht so schlimm, wie sie befürchtete.
Es war schlimmer!
Er war nicht da, und sie vermisste ihn stärker denn je.

Ausgerechnet an diesem Tag!
Es war ein Dienstag, der 2. Tag ihres Schulfestes. Schon vormittags war sie dort, um mit einigen Freunden die Disco für den Abend vorzubereiten.
Noch immer erfüllte er ihr gesamtes Ich, bereitete ihrer Seele Sehnsucht und Schmerzen, und so war es nicht weiter verwunderlich, dass sie nicht gut drauf war. Ihre Freundin Mel merkte sofort, dass was nicht stimmte, und schließlich erzählte sie ihr von der vergangenen Nacht. Mel bat sie, trotzdem zur Disco zu kommen, und sie versprach es ihr.
Sie kam dann auch wirklich, allerdings mit sehr wenig Lust. Ihre Freundin gab ihr gleich zu Beginn des Abends einen Drink aus, und danach ging es ihr tatsächlich etwas besser. Sie tanzte mal mit dem und mal mit dem, ließ sich, öfter als ihr Verstand es erlaubte, einen ausgeben, und mit jedem Glas verschwand ein Teil der Schmerzen aus ihrer Seele. Schon etwas angetrunken holte sie sich schließlich eine Flasche Sekt, schlich mit wankenden Schritten in eine dunkle Ecke und ließ sich dort nieder. Noch immer spürte sie seine Präsenz in ihrem Inneren, aber er tat ihr nicht mehr weh. In Gedanken streichelte sie zärtlich sein Gesicht, während sie mit geschlossenen Augen so nach und nach die Flasche leerte.
Als sie schon fast leer war, fand Mel sie in ihrem stillen Winkel. Sie riss ihr die Flasche aus der Hand und starrte sie wütend an.
„Sag mal, spinnst du? ‘Nen Liter Sekt allein zu saufen! Du musst doch ‘n Rad ab ham!“, schrie Mel sie an. Doch das beeindruckte sie herzlich wenig. Ihre Freundin stellte mit Wucht die Flasche beiseite und führte sie nach draussen. Das heißt, sie schleifte sie, denn sie war so ratteldattel, dass sie nicht mehr geradeaus gehen konnte. Vorm Eingang kam ihnen ihr Lehrer entgegen, und auch der merkte sofort, was los war. Er kam allerdings nicht mehr dazu, ein Donnerwetter loszulassen, denn sie sah trotz bewölkten Himmels Sterne und sackte zusammen. Er fing ihren Sturz in letzter Sekunde ab, hob sie hoch und trug sie zur Wohnung der Freundin. Dort legte er sie auf die Couch, und erst dann fragte er nach den näheren Umständen.
„Ach verdammt, ich hab keine Ahnung, warum sie das getan hat,“ erwiderte Mel.
„Aber an irgendwas muss es doch liegen,“ Seiner Verantwortung bewusst versuchte der Lehrer den Ursachen auf den Grund zu gehen. „Ich glaube einfach nicht, dass sie so unvernünftig ist, sich grundlos zu betrinken. Übrigens, was hat sie eigentlich vorhin gesagt, bevor sie zu Boden ging?“
Mel überlegte eine Weile, dann platzte sie heraus: „Das muss es sein. Heute vormittag erzählte sie mir einen Traum, und dass das Erwachen äußerst schmerzhaft gewesen sein muss. Ich hab das nicht weiter ernst genommen, da so was öfter mal vorkommt, aber diesmal muss es wirklich schlimm gewesen sein.“
„Oh! Na ja, jetzt muss sie erst mal ihren Rausch ausschlafen. Ich schätze, ihr wird‘s morgen ziemlich dreckig gehen.“

Und so war es dann auch. Sobald sie aufwachte, rannte sie als erstes aufs Klo, was sich dann jede viertel Stunde wiederholte. Der Restalkohol setzte ihrem Bewusstsein immer noch etwas zu, und so kriegte sie von dem Tag nicht viel mit. Mel kümmerte sich um sie, doch ihr Magen schien sogar mit einer Tasse Tee auf Kriegsfuß zu stehen. Als Mel ihr dann zu Mittag auch noch ‘nen Teller Spaghetti hinstellte, wehrte sie ab:
„Kipp‘s lieber gleich ins Klo, spar dir den Umweg über meinen Magen.“

Gegen Abend ging es ihr dann etwas besser. Mel fuhr sie nach Hause. Da sie immer noch etwas schwach war, begleitete ihre Freundin bis hoch in ihr Zimmer. Doch als sie die Tür aufmachten und er von den Bildern an den Wänden auf sie blickte, stürzten die gesamten Erinnerungen an den letzten Traum auf sie ein. Sie schüttelte die Hand ihrer Freundin von ihrem Arm und stürzte sich aufs Bett. Dort presste sie ihr Gesicht in die Decke und ließ ihren Tränen freien Lauf. Erst blieb Mel ein paar Minuten in der Tür stehen, doch dann ging sie zum Bett und tippte ihrer Freundin vorsichtig auf die Schulter. Als die nicht reagierte, zog sie sie vorsichtig nach oben, drückte ihr ein Taschentuch in die Hand und hielt sie tröstend fest.
Wer weiß, wie lange sie so da saßen, eine gute viertel Stunde vielleicht, doch das Taschentuch flog schon nach wenigen Minuten in die Ecke, da es nass war. Und immer wieder schaute sie wie gebannt in seine Augen. Bis sie sich schließlich aus Mels Armen wand und zu dem größten der Bilder hinüber kroch. Es war ihr egal, dass noch jemand anderes anwesend war, sie presste ihre Lippen auf sein Gesicht. Die Enttäuschung, nur kaltes Papier zu spüren, trieb ihr erneut Tränen in die Augen. Doch immer wieder küsste sie ihn voller Sehnsucht. Bis ihre Freundin sie sanft von dem Poster weg holte.
„Warum quälst du dich so?“, fragte sie und erntete einen verständnislosen Blick. Also legte sie sie hin und deckte sie zu. „Versuch‘ zu schlafen,“ sagte sie noch leise, bevor sie ging.

Am nächsten Tag wurde Mel von ihrem Lehrer aufgehalten und der fragte sie:
„Sag mal, wo ist unser gebrochenes Herz denn heute? Eigentlich müsste sie wieder auf den Beinen sein.“
„Ich habe keine Ahnung,“ erwiderte Mel.
„Es sei denn...“ sie überlegte. „Welches Datum ist heute?“
„Der 17. Juni, wieso?“ Er erhielt keine Antwort, denn Mel sprintete über die Straße in den nächsten Zeitschriftenladen. Er folgte ihr. Sie suchte in der Bravo, bis sie die Tourdaten fand. Immer wieder tippte sie auf eine Stelle: 17.6. München. Als ob das alles erklärte. Doch als er den Namen des Interpreten las, wusste er bescheid.
„Du meinst, sie ist dort?“
„Natürlich.“ Dann breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. „Er selbst wird ihr helfen.“

Sie war an diesem Abend wirklich in München. Und das Konzert war fantastisch! Doch die Sehnsucht wurde immer größer. Nach der Show schlich sie hinter die Bühne. Da sie nicht wusste wohin, irrte sie ziemlich lange durch die Gänge. Irgendwann stand sie tatsächlich vor seiner Garderobentür und klopfte zaghaft. Er öffnete mit seinem sympathischen Lächeln, bat sie sogar herein. Zögernd trat sie also ein und schaute sich um. Er war sehr freundlich, gab ihr Autogramme, und sie redeten über dies und jenes. Dann setzte er sich auf einen Stuhl, und sie kniete sich vor ihn. Er wollte wissen, wie und warum sie hergekommen sei, und sie erzählte ihm die ganze Geschichte. Auch dass sie sich wegen ihm betrunken hatte, verschwieg sie nicht. Er schien zu begreifen, wie viel er ihr bedeutete, wie sehr sie ihn liebte und auch, wie sehr sie das schmerzte, denn er rutschte zu ihr herunter und nahm sie sanft in seine Arme.
„Ich hoffe, du bist dir darüber im klaren, dass ich dir nicht mehr geben kann, als diese Umarmung. Ich liebe meine Frau, und ich glaube, du kannst das sehr gut verstehen,“ sagte er leise.
„Ja, ich verstehe dich. Aber ich habe bereits mehr von dir als diese Umarmung. Zum Beispiel deine Songs. Es ist sehr wichtig für mich, deine Stimme hören zu können. Auch wenn du nicht bei mir bist, bist du trotzdem ein Teil von mir.“ Sie löste sich vorsichtig aus seiner Umarmung und schaute ihn an. Er erlaubte ihr sogar ein Küsschen auf die Wange, und sie versuchte, alles in diesen Kuss hineinzulegen, was sie ihm geben wollte. All ihre Liebe, all ihre Gefühle, all die Zärtlichkeit und Wärme, die ihr Herz durchflutete, wenn sie nur an ihn dachte.
Als sie ihre Augen wieder öffnete, hatte sie das Gefühl, er könnte darin lesen wie in einem offenen Buch. Mehr konnte sie ihm nicht sagen, und mehr brauchte sie ihm nicht sagen.

 

Why can‘t I tell you what I feel for you?
What should I feel if I can‘t touch you?
Somehow, somewhere, someday I‘ll find a way,
I‘ll find the way to make this dream come true

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