Als ich neulich von der Arbeit nach Hause fuhr, hatte ich ein ganz merkwürdiges Erlebnis:
Ich hatte gerade einige deiner Songs zu einer Playlist zusammengestellt und hörte sie während der Fahrt. Manchmal schlug ich noch die Hand an die Stirn und dachte: ‚Oh mein Gott!‘ Und dann kam das:
„I guess I‘ll never understand it...“
Ich drehte lauter.
„...a billion people on this planet...“
Ich sah dich auf den Klippen stehen. Ich drehte richtig laut.
Die Straße war breit, fast gerade und - frei! Ich drückte das Gaspedal durch.
„We‘re flying on the wings of tenderness...“
Ich raste durch die Dämmerung und grinste dabei wie ein Honigkuchenpferd von einem Ohr zum anderen!
Als der Song vorbei war, dachte ich nur:

WAS WAR DAS DENN JETZT???

Ausgerechnet diese alte Schnulze ließ mich so abheben? Das war eindeutig ein Rückfall. Nach 13 Jahren! 13 Jahre in denen ich dachte, ich wäre kuriert von dir. Nein, 13 Jahre in denen ich keinen Gedanken an dich verschwendete! Bis auf einige seltene Momente, wenn doch mal irgendwo dein Bild auftauchte oder dein Name fiel. Dann zuckte ich innerlich zusammen und lief rot an. In solchen Momenten hatte ich immer das Gefühl, dein Name ist für immer auf meine Stirn tätowiert, und jeder könnte sofort sehen, was war.
Es wird jetzt Zeit, das mal zu überwinden. Dein Musical zu hören, hat mich wieder mit deiner Musik versöhnt, das war eine tolle Leistung, Respekt! Und meine iPod-Playlist wird mit jeder CD, die ich kaufe (1 Euro, bei eBay - keiner will‘s mehr hören), um 3-4 Stücke länger. Immerhin, das ist jetzt schon mehr als ich dachte.
Und ich hatte auch nicht gedacht, dass mich deine Stimme noch mal so glücklich und irgendwie zufrieden macht. Aber vielleicht ist das auch nur eine Phase, nach der langen „Abstinenz“...


Fast hätte ich ihn im Juni ‘92 wiedergesehen. Ich erfuhr erst ziemlich spät von dieser kurzen Tournee, und ich schaffte es nicht, meine Eltern zu überreden, mich noch einmal zu fahren. Obwohl ich es bis zur letzten Minute versuchte.
So lag ich an jenem Sonntag Vormittag in meinem Bett herum und starrte seine Cowboystiefel auf dem Poster an. So sah mich meine Mutter, und wahrscheinlich redete sie noch mal mit Dad, denn gegen 11 kam sie wieder und sagte, wenn ich Oma beim Tisch decken helfe, fahren wir nach dem Mittagessen los. Zwei Sekunden später stand ich drüben bei Oma auf der Matte.

Ich hatte noch nicht einmal Karten, als wir am Veranstaltungsort ankamen, doch wie sich herausstellte, brauchte ich die auch gar nicht. Das Konzert war abgesagt!
Ich trottete hinter meinen Eltern her zurück zum Auto, und wir fuhren zur nahen Verwandtschaft. Dort saßen alle im Schrebergarten herum und amüsierten sich köstlich. Nur ich hockte in der Hollywoodschaukel und starrte stumm vor mich hin. Das alles passte einfach nicht zu ihm, oder besser gesagt, es passte nicht zu dem Bild das ich mir von ihm gemacht hatte.
Wieso nur?
Meine Tante hatte gehört, es wären zu wenig Karten verkauft worden. Dad hatte natürlich allen erzählt was los war, und er meinte, ich würde gerade mit ihm Schluss machen. Ja, ich war sauer und nannte ihn in diesem Moment einen Mistkerl, aber verdammt, ich liebte diesen Mistkerl, und daran konnte auch ein geplatztes Konzert nichts ändern.


Ich hatte ganz vergessen, in welche Hochstimmung mich deine Stimme versetzen konnte. Sie ist so schön tief und ein bisschen kratzig, wie eine raue Männerhand - die mich sanft streichelt. These lovin‘ eyes

Deine Musik passt eigentlich so gar nicht zum Rest meiner Sammlung, obwohl ich alles mögliche aus vielen Stilrichtungen höre. Aber deine Stimme rührt in mir, da steckt ein Messer in einer alten Wunde. Was ist das bloß?
Ich glaube deine Stimme aus zehn Kilometern Entfernung unter Tausenden anderen heraushören zu können, so vertraut ist sie mir. Vielleicht ist es das? Die Vertrautheit? Geborgenheit? Ein roter Faden durch mein Leben? Ein Seil, das ich brauchte, um mich daran festzuhalten?

 

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