Immer wenn ich an einem Strand stehe, muss ich an dich denken. Jetzt sind wir fast eine Woche in Kalabrien, es ist Januar, die Strände sind menschenleer. Stunden könnte ich dort zubringen, nichts weiter hören als das gleichmäßige Rauschen der Brandung, auf einem Felsen sitzen und in Gedanken in Kalifornien sein...

Wanna meet you at dawn on the beach

 

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Summerrain

Vor einer knappen halben Stunde hatte ich Los Angeles verlassen und war jetzt auf dem Weg nach Hause. Es war so ein schöner Spätsommertag, dass ich beschloss, noch einmal an den Strand zu gehen. Dort spazierte ich Richtung Santa Barbara. Die 101 verlief hier nicht direkt an der Küste, so dass es unter den Klippen, die den Sandstrand abschlossen, bis auf das Rauschen des Meeres still war.
Ich war schon eine ganze Weile gelaufen, als sich im Westen eine schwarze Wolkenmauer über den Horizont schob. Das Unwetter brach so plötzlich über mich herein, dass ich keine Zeit hatte, zum Auto zurückzukehren. Doch zum Glück entdeckte ich einen vorspringenden Felsen in ein paar Metern Entfernung, wo die Klippen eine Ecke bildeten. Es sah aus, wie eine kleine Höhle, und dort setzte ich mich hinein und wartete darauf, dass das Gewitter zu Ende ging.
Nach ein paar Minuten merkte ich, dass ich nicht die Einzige war, die von dem Unwetter überrascht worden war. Vom Norden her kam ein Mann gerannt, und seine Bewegungen... mein Herz schlug schneller. Seine Art zu laufen war mir so vertraut! Aber das konnte doch unmöglich... nein, das konnte er nicht sein! Trotzdem wollte dieses Gefühl in mir nicht verschwinden, und dann war er nah genug, dass ich sein Gesicht erkennen konnte.

„Sorry, but this is the only place within five miles on the beach where you‘re save from the rain“, entschuldigte er sich, als er sich neben mich unter den Felsvorsprung quetschte. Er war noch völlig außer Atem. „How did I ran to reach it! My car stands farther southward, and I‘m already wet through and through.“
„You don‘t have to apologize, it‘s okay“, erwiderte ich. „It‘s everyone‘s beach, isn‘t it?“
„Yes, you‘re right“, lachte er.
Eine Weile schwiegen wir und schauten in den dunklen Himmel, der alle paar Sekunden von grellen Blitzen durchzuckt wurde.
„Have you ever seen a thunderstorm at night in the mountains?“, fragte er mich dann.
„Yeah, once in the Alps. It was fascinating!“, antwortete ich. Ja, ich war begeistert gewesen von dem gespenstischen Aufleuchten der Berge. Doch hier am Strand neben ihm zu sitzen, war wesentlich aufregender.
Trotz des Regens war es angenehm warm, aber noch angenehmer war seine Nähe. Er blickte unverwandt auf den aufgewühlten Ozean hinaus, während ich sein hübsches Gesicht betrachtete. Die nassen Locken klebten auf seiner Stirn, doch seine Haut war wieder so gut wie trocken. Ob sie sich so weich anfühlte, wie sie aussah? Meine Hand hob sich plötzlich wie von selbst zu seinem Gesicht. Aber kaum hatte ich seine Wange berührt, zuckte ich schon wieder zurück. Verdammt, was tat ich da?
Für einen Moment schloss er die Augen, dann drehte er sich zu mir. Um seine Mundwinkel spielte ein Lächeln, und er schaute mich mit einem Blick an, der mich gefangen nahm. Ich hatte das Gefühl, in seinen blauen Augen zu ertrinken.
Dieser Moment kam mir vor wie eine Ewigkeit, bis er mit seinen starken Händen meine Hüften umfasste und mich auf seinen Schoß hob, so dass ich ihm ganz nah gegenüber saß. Dann nahm er sanft meine Hand und legte sie an seine Wange. Er lehnte den Kopf zurück an die Felswand und schloss die Augen. Vorsichtig begann ich, sein Gesicht zu streicheln. Ich spürte seine weiche Haut unter meinen Fingern dahin gleiten, und hatte schon jetzt das Gefühl, süchtig danach zu sein. Zärtlich strich ich die nassen Locken von seiner Stirn und trocknete die Tropfen, die sie auf seiner Haut hinterlassen hatten. Dann fuhr ich über seinen Nasenrücken und versetzte seiner Nasenspitze einen liebevollen Stubs, was er mit einem süßen Grinsen beantwortete. Einen Augenblick später setzte er sich aufrecht hin und zog sich sein Shirt aus, um es als Kissen zwischen seinen Kopf und die Felswand zu stopfen. Er schloss erneut die Augen, als er sich wieder zurück lehnte, und schien auf weitere Zärtlichkeiten zu warten. Doch mein Blick hing auf seiner nackten Brust, auf der sich die feuchten Löckchen kringelten.
Ich widerstand dem Verlangen, meinen Kopf dagegenzupressen, obwohl ich spürte, wie ein Feuer in mir aufloderte. Statt dessen legte ich jetzt beide Hände auf seine Wangen und schloss für einen Moment ebenfalls die Augen, um seine Wärme in mich aufzusaugen. Dann ließ ich meine Hände wieder über sein Gesicht wandern. Sanft massierte ich seine Stirn und seine Wangen bis hinunter zum Kinn. Von dort schoben sich meine Finger wieder nach oben, fuhren am Ansatz seiner Haare entlang, zogen seine Augenbrauen nach und glitten ganz zärtlich über seine geschlossenen Lider, bis sie wieder in die Nähe seiner Lippen kamen.
Ich hielt einen Augenblick inne, dann zog ich langsam die Konturen seines schön geschwungenen Mundes nach. Als ich schließlich ganz über diese vollen empfindsamen Lippen strich, öffneten sie sich ein wenig, und für einen kurzen Moment spürte ich seine feuchte, samtweiche Zungenspitze.

Ein gewaltiger Donnerschlag ließ uns plötzlich zusammenzucken. Irgendwo klatschte Geröll ins Wasser, wahrscheinlich hatte weiter südlich der Blitz eingeschlagen. Ich merkte, dass meine Beine eingeschlafen waren, und setzte mich anders herum auf seinen Schoß. Er zog mich an seine Brust, und ich konnte ein leises Seufzen nicht unterdrücken, als er seine nackten Arme um mich schloss. Ich fühlte mich so sicher und geborgen in seiner Wärme, dass ich einfach einschlief. Das letzte, was ich noch spürte, war seine Hand, die nun mein Gesicht streichelte.

Es war Abend, als ich wieder erwachte. Das Gewitter und der Regen hatten aufgehört, und die Sonne brach mit der Kraft ihrer letzten Strahlen durch die schwarze Wolkendecke. Am Horizont färbte sie den Himmel und das Wasser glutrot.
Ich lag noch immer in seinen Armen, und ein tiefes Glücksgefühl erfasste mich, was aber bald wieder verschwand, denn ich wusste, wir konnten jetzt gehen.
„It‘s a wonderful view, isn‘t it?“, sagte er, als er merkte, dass ich wach war.
„Hm“, machte ich, bevor er leise fortfuhr:
„It stopped raining. I think we... can go now.“
„Ya.“
Doch keiner von uns machte Anstalten, sich zu erheben. Bis ich einen leise aufkommenden Schmerz spürte. Schnell stand ich auf.
„I have to drive to Carmel.“
Auch er erhob sich. „Now, at night?“
„I‘ve just slept very well in your arms“, erwiderte ich und versuchte ein Grinsen. Er senkte den Kopf und starrte auf den Boden. Ich konnte nicht gehen ohne einen Kuss von ihm. Zärtlich nahm ich sein Gesicht in meine Hände, stellte mich auf die Zehenspitzen und drückte meine Lippen sanft auf die seinen. Er erwiderte meinen kleinen Kuss nicht, doch in seinen Augen las ich Überraschung, bevor ich mich umdrehte.

Seine Hand griff nach meinem Arm, glitt abwärts zu meiner und hielt mich fest. Mit klopfendem Herzen drehte ich mich zu ihm um. Wir schauten uns eine Weile an, dann zog er mich heftig in seine Arme, wir klammerten uns aneinander wie Ertrinkende. Seine Lippen suchten meinen Mund und fanden ihn für einen innigen, zärtlichen und langen Kuss.
„Stay with me tonight“, bat er mich leise. Ich nickte. „Ich liebe dich.“

 

september morn
we danced until the night became a brand new day
two lovers playing scenes from some romantic play
september morning still can make me feel that way

 

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Fast wäre ich tatsächlich schon einmal nach Kalifornien gereist. Mein damaliger Freund und ich schmiedeten schon handfeste Reisepläne, und ich hatte zweimal einen Freienjob in seiner Firma, um mir das Geld zu verdienen. Eine Woche wollten wir an der Küste entlang nach Süden fahren und eine Woche in der Nähe von L.A. Badeurlaub machen. Insgeheim hatte ich gehofft - aber nicht wirklich daran geglaubt - dich dort zu finden. Leider ist aus dem Urlaub dann nichts geworden, weil mein Freund zum geplanten Zeitpunkt geschäftlich nicht weg konnte.
Seither gab es keine USA-Reisepläne mehr. Mit dem Interesse an dir war auch das Interesse an Amerika erstmal weg. Mit meinem Mann habe ich statt dessen fast ganz Europa bereist, mit dem Auto - wegen der ganzen Fotoausrüstung.
Wir waren auf Sardinien, haben die Pyrenäen durchfahren, waren in Irland, in der Slowakei, in der Bretagne. Auf der Ardèche sind wir Kanu gefahren genauso wie auf den Mecklenburger Seen und in den Masuren, wir haben ganz Norwegen bereist mit dem Auto und dem Postschiff, waren im Norden von Spanien und Portugal, und zweimal in Venedig.
Diese Reisen waren immer das Highlight des Jahres, die Zeit miteinander zu verbringen und die landschaftlichen und kulturellen Eindrücke aufzusaugen, das hat uns den Kopf frei gemacht und geholfen, Kräfte zu sammeln für die neue Arbeitssaison. Seit unsere Tochter auf der Welt ist, müssen wir damit etwas kürzer treten, aber auch mit ihr waren wir schon unterwegs.

Jetzt drängt es mich wieder nach Kalifornien. Auch diese Sehnsucht ist neu erwacht zusammen mit den Erinnerungen an dich. Als kleines Kind glaubte ich, Kalifornien wäre ein Märchenland, in dem ein Kalif regiert. Später wurde mir klar, dass es wirklich existiert, und seitdem wollte ich nur noch dorthin. Erst recht mit der Sehnsucht nach dir, im Hinterkopf hatte ich immer die Hoffnung, dich dort zu treffen.

 

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