Ich frage mich, was es bedeutet, dass ich wieder von dir träume. Kann ich es begreifen als geistigen Ausgleich zum Alltag, oder begebe ich mich in Gefahr, mich wieder zu verlieben?
Dass keine Missverständnisse aufkommen - ich liebe mein Leben. Es ist voller Aufgaben, in denen ich mich verwirklichen kann. Ich bin mir im klaren, dass ich immer großes Glück hatte, mit meinem Beruf, den ich liebe, mit meiner Familie, die ich noch viel mehr liebe, coole Hobbys, das ist alles keine Selbstverständlichkeit, das weiß ich.
Aber seit ich damit angefangen habe, mich mit meiner Vergangenheit und mit dir wieder zu beschäftigen, sind auch die Tagträume wieder zurück. Sie sind anders als früher, aber alle haben das gleich Ziel - einen Kuss von dir.
Ich bin wirklich eine treue Seele und käme nie auch nur auf den Gedanken, meinen Mann zu betrügen. In den vielen Jahren, in denen wir jetzt schon zusammen sind, gab es keinen einzigen Moment, in dem ich einen anderen begehrt hätte. Aber möglicherweise könnte ich bei dir eine Ausnahme machen. Das käme darauf an, ob eine Begegnung mit dir noch etwas in mir auslöst, oder ob ich vielleicht gar nichts mehr empfinde, wenn du plötzlich real wärest und keine Illusion mir mehr den Blick verklärt.
Was für ein Glück für meinen Mann, dass so eine Begegnung wohl nie stattfinden wird. Für mich bedeutet das allerdings, dass ich einen Teil des Ballastes aus meiner Vergangenheit wahrscheinlich für immer mit mir herumtragen werde. Vergessen kann ich dich nicht, so viel steht fest. Dazu dauerte die Sache einfach zu lange und war zu wichtig für mich. Aber vielleicht kann ich mir ein bisschen Klarheit verschaffen, wenn ich noch ein paar Dinge zu Papier bringe, die mich bewegen.


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Meine Hände spürten den Stoff seines Hemdes, seine Körperwärme. Seine Umarmung riss eine alte Wunde wieder auf. Gefühle, die längst vergessen waren, oder nur jahrelang vergraben?
Ich taumelte einen Schritt rückwärts, Tränen standen in meinen Augen und ich kämpfte mit einem dicken Kloß im Hals. Dass mich meine Gefühle von damals mit solcher Wucht wieder einholen würden, hätte ich nicht erwartet. Die Freude, ihn endlich zu sehen, mischte sich mit einem ungeheuren Verlangen, ihn zu berühren, und dem tiefen Schmerz meiner Teenager-Träume.
Er schaute mich fragend an.
„Das ist zu viel für mich,“ flüsterte ich. „Ich fürchte, ich habe meine Gefühle nicht mehr unter Kontrolle.“
„Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, ich bin auch nur ein Mensch.“
Er nahm meine Hand und führte mich in den Garten.
„Ich habe keine Angst vor dir, ich habe Angst, dir zu nahe zu treten.“
„Erzähl mir alles.“ Er setzte sich auf die Hollywoodschaukel und bat mich neben sich. Ich lehnte mich an ihn und saugte seine Nähe in mich auf. Die Tränen liefen über mein Gesicht, vor Glück, vor Schmerz, ich konnte es nicht mehr unterscheiden. Ein paar Minuten kämpfte ich noch mit dem Kloß in meinem Hals, dann konnte ich ihm erzählen, weshalb ich hier war.

 

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