17. November 1991

Es war dreiviertel acht, als ich an diesem Sonntag Morgen aufwachte. Sonntage muss man immer besonders genießen, denn montags geht ja die Schule wieder los. Aber daran verschwendete ich heute ausnahmsweise keinen Gedanken. Alles war noch still im Haus. Normalerweise würde ich dann die Augen wieder zudrücken und noch ein wenig weiterpennen, aber das war diesmal kein gewöhnlicher Sonntag, nein, es war der Tag, an dem ich zu seinem Konzert gehen wollte. Meine Großcousine hatte mir schon Wochen vorher zwei Karten besorgt, da meine Mutter mich begleiten sollte.
An jenem Sonntag Morgen also hielt mich nichts mehr im Bett. Ich zog mich in Windeseile an und warf dabei zufällig einen Blick aus dem Fenster. Draußen lag - Schnee!! Ich traute meinen Augen kaum, es war tatsächlich der erste richtige Schnee in diesem Winter. Aber das sollte nicht die einzige Überraschung an diesem Tag bleiben.
Nach dem Frühstück konnte ich nicht mehr still sitzen, also half ich meiner Mutter beim Spülen (welch eine Sensation). Mittags gegen zwölf ging es dann endlich los. Mein Vater fuhr uns. Ich saß hinten und schaute raus in den Schnee. Wenn ich daran dachte, wie ich in den letzten drei Monaten immer wieder versucht hatte, meine Eltern zu überreden, mich gehen zu lassen... Ich grinste, jetzt hatte ich es tatsächlich geschafft.
Es war mein allererstes Konzert, und das gab ausgerechnet der Mann, den ich liebte. Ich war furchtbar aufgeregt! Für einen Augenblick verspürte ich schon fast etwas wie Angst. Ich hatte so viel gelesen von Mädchen, die während eines Konzerts ohnmächtig wurden, und ich wusste, der Mann machte mich so schon verrückt, was sollte das erst werden, wenn er dann wirklich vor mir steht? Doch ich verdrängte den Gedanken ganz schnell wieder, denn nichts lag mir ferner, als schlapp zu machen. Außerdem war ich unheimlich gespannt, was mich dort wohl erwartete.
Erstmal erwartete mich eine Enttäuschung, als mein Vater bei Hartenstein von der Autobahn abfuhr, denn das bedeutete, er wollte erst noch zu meinen Großeltern fahren. Na ja, so schlimm war das ja nicht, als er es sich dort allerdings vorm Fernseher bequem machte, hätte mich das auf die Palme bringen können. Aber ich hatte mir vorgenommen, mir diesen Tag durch nichts versauen zu lassen.
Viertel vier machten wir uns wieder auf den Weg. Es hatte inzwischen aufgehört zu schneien, aber der Straßenzustand war katastrophal. Mein Vater lenkte unseren Fiat durch die Suppe und schimpfte, warum ich unbedingt zu diesem Konzert müsste, ich könnte mir bequem zu Hause das Video hundertmal anschauen. Aber das konnte meine super Laune nicht im geringsten trüben, außerdem meinte er es sowieso nicht ernst, schließlich war er selbst schon auf einem Konzert gewesen und wusste, was es bedeutet, inmitten hunderter Fans diese Wahnsinns-Stimmung zu erleben.
Gegen viertel fünf kamen wir an, und schon erwartete uns die nächste Überraschung, allerdings im negativen Sinn: Unser Auto hatte einen Platten! Meine Eltern ärgerten sich erstmal ausgiebig darüber, aber ich fand es irgendwie lustig. Was an so einem Tag alles passieren konnte... Also ich hätte vor Freude auf das Konzert an die Decke springen können.
Dann lief ich mit meiner Mutter zur Eissporthalle während mein Vater den Reifen wechselte und es sich dann im Auto bequem machte, um zu lesen.
Ich drängelte mich gleich bis zur Glastür vor, meine Mutter blieb weiter hinten. Von irgendwoher hörte ich seine tiefe Stimme singen (er gab an diesem Abend zwei Konzerte), doch nirgendwo konnte ich die Bühne entdecken, nur die Fans auf den Rängen, wechselnde Lichtstrahlen von den Scheinwerfern und den Souvenirstand. Aber meine Aufregung steigerte sich, als mir plötzlich bewusst wurde: Da drin steht er und singt!
Gegen halb fünf kam es mir etwas komisch vor, dass nur verhältnismäßig wenig Leute hier draussen warteten, schließlich sollten wir um fünf rein gelassen werden. Meine Mutter umrundete dann kurzerhand mal die Eissporthalle und als sie wieder kam, bestätigte sie meinen Verdacht: Wir standen am falschen Eingang. Leider waren wir nicht die einzigen, die zu dieser Erkenntnis kamen, und so sprintete die ganze Meute los, denn jeder wollte als erster drüben sein. Ich natürlich auch, und so rannte ich gleich zwischen den Tourbussen durch.
Dann bog ich um die Ecke und dachte: ‚Schreck lass nach, hier kommst du niemals durch!‘ Da standen sie also, die ganzen Massen! Aber mit ein wenig „Ellenbogentechnik“ schaffte ich es tatsächlich, mich bis ans Absperrgitter vorzudrängeln. Leider erwischte ich die falsche Seite. Meine Mutter rief mir zu, ich solle einfach drüber klettern. Ich war nicht die einzige, die es schaffte, also gaben die Security-Leute schließlich auf und verzogen sich ins Innere der Halle. Wir strömten daraufhin zur Glastür vor, wo wir weiterhin ungeduldig auf den Einlass warteten. Einer der Securities wagte es dann tatsächlich noch mal, seinen Kopf zur Tür rauszustecken, aber nur um uns zu sagen, dass sich alles um eine Stunde verzögert, weil die Crew angeblich im Schnee stecken geblieben war.

Irgendwann war die erste Show dann endlich zu Ende, und so wurden wir kurz nach sechs reingelassen. Das Gedränge war furchtbar, und nicht mal das Security-Team konnte da Ordnung reinbringen, also mussten die Jungs wohl oder übel darauf verzichten, die Tickets zu kontrollieren. Ich rannte gleich ganz vorne mit, und meine Mutter meinte später, ich wäre gerannt, als ginge es um mein Leben. Leider verpasste ich den ersten Treppenaufgang, so dass ich „nur“ in die zweite Reihe kam, aber das reichte allemal! Meinen Platz hatte ich also gesichert, jetzt hatte ich Zeit, mich nach meiner Mutter umzuschauen. Sie hatte einen Sitzplatz außerhalb der Bande erwischt und sah nicht so aus, als wollte sie sich von da weg begeben.
Nun, dort vor der Bühne stand ich also noch einmal eine Stunde, während vom Band die aktuellen Songs aus den Charts gespielt wurden. Bald wurde die Menge immer ungeduldiger und alle paar Minuten brach eine Welle der Begeisterung los, jeder hoffte, dass die Show endlich beginnt. Sein Name donnerte immer wieder durch die Halle. Angesteckt von der Stimmung schrie ich natürlich aus vollem Halse mit, doch der schwarze (aber halbdurchsichtige) Bühnenvorhang blieb noch geschlossen. Nur einmal ließ er sich kurz auf der Bühne blicken, im langen Mantel, einen Hut tief ins Gesicht gezogen. Er wollte wohl mal unauffällig die Lage peilen, doch wir schrieen und lachten, da winkte er uns zu und verschwand grinsend wieder von der Bühne.

Gegen viertel acht begann dann endlich die Show. Die Band spielte schon eine Weile, dann betrat er mit einem Medley aus den drei Klassikern „Walk on through the wind“, „Home“ und „America“ in einer Nebelwolke die Bühne. Das war vielleicht ein Anblick, ich sag nur:

                                                            W A H N S I N N !!!

Da stand er also, mein geliebter Superstar. Seine blauen Augen glänzten im Scheinwerferlich wie der Himmel eines wunderschönen Julitages. Es war ein sehr merkwürdiges Gefühl. Das war kein Bild, das war er wirklich. Zwei Stunden lang genoss ich seine Stimme, seinen Anblick, seine bloße Anwesenheit. Er war so - echt!
Und das Konzert wurde einfach traumhaft. In keiner Disco, auf keiner Party habe ich je so eine Stimmung erlebt. Ich ließ mich von seinen Songs in eine andere Welt tragen, nahm seine Stimme in mich auf, verfolgte mit meinen Blicken jede seiner Bewegungen auf der Bühne.
Dann plötzlich stand er vor mir, direkt am Bühnenrand. Ich schaute in seine Augen und er erwiderte meinen Blick, zwinkerte mir zu. Ich zwinkerte zurück, er winkte und lächelte mich an. Ich vergaß den Rest der Welt! Im Verlauf der Show suchte ich nur noch seine Augen. Ein paar seiner Blicke konnte ich auf Fotos festhalten, doch schon nach den ersten drei Songs war der Film voll. Jetzt hatte ich die Hände frei, um mitzuklatschen, und das tat ich, bis ich sie nicht mehr spürte.
Bei seinem größten Hit war im Saal die Hölle los. Er stand grinsend auf der Bühne und hielt uns das Mikrofon hin (was allerdings gar nicht nötig gewesen wäre, wir brüllten sowieso schon, dass die Wände wackelten).
Bei einem dreiteiligen Medley für seine damals eineinhalbjährige Tochter wurde die Kleine sogar mit auf die Bühne gebracht. Ihr Daddy nahm sie auf den Arm, sie schnappte sich mit ihren kleinen Händen das Mikro und schaute interessiert in die Menge. Auch seine hübsche Frau stand mit auf der Bühne. Sie tanzte in sexy Klamotten zu dem Song „Mustang Sally“. Währenddessen zogen ihm die Backgroundsängerinnen seinen schwarzen Anzug aus, und darunter kam glänzendes Gold zum Vorschein. Es war einer der schönsten Momente der Show, als seine Frau mit ausgebreiteten Armen wie eine Göttin auf der Bühne stand und er in seinem goldenen Anzug vor ihr kniete.

Drei Zugaben hat er gegeben, mit „Silent Night“ verabschiedete er sich schließlich. Er sang es zusammen mit dem Kinderchor der Stadt, und bei dem Song rieselte Schnee auf die Bühne. Danach war das Konzert dann zu Ende (oh, wie war ich traurig, als er von der Bühne verschwand).

Benommen ging ich vor zum Souvenirstand. Dort traf ich auch meine Mutter wieder. Es war, glaube ich, viertel zehn. Das Konzert hat also knapp zwei Stunden gedauert. Für meine Begriffe viel zu kurz, am liebsten hätte ich für immer die Zeit angehalten, aber das ist ja bekanntlich nicht möglich. Nun ja, vorbei ist vorbei. Ich ging also mit meiner Mutter zurück zum Auto, wo mein Vater wartete. Es war halb zehn, als wir uns wieder auf den Heimweg machten. Ich hatte mir ein Sweatshirt gekauft, das ich unterwegs gleich anzog (und die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag nicht mehr auszog). Halb sitzend, halb liegend schaute ich in den sternenklaren Nachthimmel und ließ die letzten Stunden wie einen Film vor meinen Augen ablaufen. Es dauerte seine Zeit, bis ich die vielen Gefühle und Eindrücke verarbeitet hatte.
Erst als wir gegen elf zu Hause ankamen, erwachte ich aus meinem Dämmerzustand. Meine Großeltern waren noch wach, und ich rannte gleich hinüber, um ihnen alles zu erzählen.

Als ich später in mein Zimmer ging, begrüßten mich seine blaue Augen von allen Seiten. Ich sank vor ihm in die Knie und erwiderte sein süßes Lächeln, obwohl ich wusste, dass es doch nichts weiter als ein Bild war, und er mich nicht mehr sehen konnte.
Ich schloss die Augen und sah ihn noch einmal auf der Bühne stehen, sah sein Lächeln und seine Blicke. Ich konnte nicht verhindern, dass mir Tränen in die Augen schossen. Einerseits war ich traurig, dass es vorbei war, aber andererseits war ich doch auch sehr glücklich darüber, eins seiner Konzerte erlebt zu haben. In diesem Moment wusste ich, ich muss mein Baby wiedersehen!
Der nächste Tag flog irgendwie an mir vorbei. Ich hatte keinen Hunger und zu nichts Lust, außer ihn in Gedanken immer und immer wieder zu erleben. Ich lebte im Gestern.
Schon vor dem Konzert hatte ich nicht an das Danach gedacht, es schien, als würde an diesem Abend alles enden, als würde die Zeit still stehen. Aber sie tat es nicht. Das Leben musste weiter gehen.


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